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Ein faszinierender Abend mit André Heller

Am 10. September war André Heller Gast im Festsaal des Verbands Österreichischer Privatstiftungen. Er gab einen ebenso interessanten wie amüsanten Einblick in seine unerhört vielfältige Welt.

Presse-Chefredakteur Rainer Nowak, den sich Heller als Gesprächspartner gewünscht hatte, meinte eingangs, dass beide etwas gemeinsam hätten: Sie bekommen sehr viele Einladungen zu Abendveranstaltungen. Er, Nowak, nehme die meisten an, Heller fast keine. Um dann zu fragen: „Warum sind Sie hier?“ Heller darauf: Er treffe auf eine Gruppierung, von der er unsicher sei, „was das hier überhaupt ist.“ Diese Menschen trügen eine besondere Verantwortung. „Die hat man gerade dann, wenn einem Geld zur Verfügung steht. Es interessiert mich, hier zu sein.“

Davor hatte VÖP-Generalsekretär Christoph Kraus den Gast begrüßt und die Einladung an ihn kurz begründet: Man wolle „über den Tellerrand der OGH-Entscheidungen hinausschauen“. Außerdem sei André Heller ja auch Unternehmer, ein Aspekt, der in diesem Rahmen natürlich von besonderem Interesse sei. Und Heller outete sich und Kraus als – Schulfreunde, was für Verblüffung sorgte.

 „Ich bin ein Verschwender“

Ebenfalls für Verblüffung und auch viele Lacher sorgte er mit seinen Auskünften über sein unternehmerisches Leben. „Ich bin ein Angstmensch mit großer Lust auf Experimente.“ Er erzählte ernsthaft und sehr persönlich aus seinem Leben, sehr viel davon über seine Entwicklung als Mensch, und erfüllte vollständig das Motto des Abends, das er kreiert hatte: „Vom Hundertsten ins Tausendste“.

Als Beispiel für sein Unternehmertum und seine damalige Hybris berichtete Heller über eine Veranstaltung im Jahr 1983: El Teatro del Fuego, das Theater des Feuers. Es war eine Kombination aus brennenden Figurenbildern auf Schiffen und einem Feuerwerk im Hafen von Lissabon. Der Heller-Biograf Christian Seiler schreibt dazu in „Der Feuerkopf“: „Die Großzügigkeit, mit der Heller die geschäftliche Seite seiner Unternehmen vernachlässigte, setzt ihn beim großen Publikum in ein durchaus falsches Licht. Das Gerücht, dass Heller als Erbe der G & W Heller-Chocoladefabrik finanziell unabhängig sei und nichts anderes zu tun habe, als die Millionen seiner Vorfahren zu verpulvern, hielt sich hartnäckig und hält sich teilweise bis heute. – Die Realität konnte in keinem schärferen Kontrast dazu stehen Das Projekt (…) war teuer. Um es in die Luft zu jagen, brauchte Heller (…) umgelegt auf die Verhältnisse von 2012, entsprach das einer Summe von drei Millionen Euro.“ Um diese Summe zusammenzukratzen, war Heller auf die Hilfe von Sponsoren, die Unterstützung des portugiesischen Tourismusministeriums, der Produktionsbeteiligungen der übertragenden Fernsehstationen aus Portugal und Österreich angewiesen, die er sich, wie er sagt, erbettelt hatte. Die Planungszeit betrug eineinhalb Jahre, erst 28 Tage vor dem Event stand die Finanzierung. Am Schluss war er noch draufgekommen, dass ein beträchtlicher Betrag noch offen war, und nahm einen Kredit auf, für den er alles verpfändete, das ihm noch zur Verfügung stand, inklusive seinem Plattenvertrag.

Großartige Katastrophe

200 000 Zuschauer waren eingeplant gewesen. Eine Million kam. Der Platz war für diese Massen nicht konzipiert, Zuschauer wurden im Gedränge ins Meer geworfen, Heller sah sich schon im Gefängnis. Die Show begann großartig, die flammenden Bilder faszinierten das Publikum, aber durch das Gedränge wurde der Computer, der all die Abläufe steuern sollte, von der Leitung getrennt, das Programm brach zusammen. Alle Feuerwerkskörper gingen gleichzeitig hoch. Es war das größte Licht- und Farberlebnis, das Heller je hatte, das Publikum war enthusiastisch, und nach einer Viertelstunde, in der nichts mehr passierte, sagte der portugiesische Präsident auf der Ehrentribüne zu André Hellers Mutter, Elisabeth Heller: „Ich gehe jetzt. Da kommt nichts mehr.“ Und sie antwortete: „Da kommt noch was. Ich kenne meinen Sohn.“

Es kam nichts mehr. Heller flüchtete verzweifelt in sein Hotel, in Erwartung seiner medialen Hinrichtung. Als er aus seinem Zimmer geholt wurde, weil hunderte Journalisten im Foyer nach ihm verlangten, quälte er sich buchstäblich unter Schmerzen hinunter.

Und wurde frenetisch bejubelt. Niemand war bei den Unfällen ernsthafter verletzt worden, und das Echo war grandios. Allerdings ging André Heller danach trotzdem fast Pleite. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, all die Details und Anekdoten wiederzugeben, die er in unzähligen selbstironischen Abschweifungen noch berichtete. Jedenfalls wiederholte er die Show 1984 in Berlin. 350 000 Besucher waren eingeplant, 750 000 kamen. Und alles ging gut. (Bilder und Texte zu diesem wie zu fast allen anderen Projekten des Künstlers können Interessierte auf seiner Website www.andreheller.com finden.)

Auf Rainer Nowaks Frage nach seinen Reserven war die Antwort: „Das liegt alles in Marokko.“ Dort, 23 km südlich von Marrakesch am Fuße des Atlas, liegt sein jüngstes Großprojekt: Eine Kasbah mit einem, wie es Heller nennt, „Paradiesgarten“ Dort erschafft er, wieder einmal, seine eigene Welt, wie er es auch schon in Gardone Riviera in Italien gemacht hat. In diesem Zusammenhang erklang auch eine Hymne auf den Garten im Allgemeinen, den sich jeder der Zuhörer, so noch nicht vorhanden, anlegen solle. „Gärten gehören zu den wirksamsten Dingen der Welt. Das Gästebuch in meinem Garten in Gardone liest sich wie das eines Psychoanalytikers.

Herzensbildung

Den langen ersten Teil des Abends widmete unser Gast dem aktuellen Thema Flüchtlinge. Und er sieht die Sache sehr pessimistisch. „Aus Afrika werden hunderttausende auf uns zukommen. Die Menschen haben nichts zu verlieren. Es braucht einen Marshallplan für Afrika. In Eritrea beispielsweise sind die Lebensbedingungen so, dass praktisch alle Menschen wegwollen bis auf die fünfzehn Bonzen, die vom Elend profitieren. Dass wir so begünstigt sind, ist vorbei. Wir sind mittendrin. Und im Umgang mit den Flüchtlingen bekommt Herzensbildung eine grandiose Bedeutung.“ Ein Thema, dass sich auch in der anschließenden Publikumsdiskussion nicht vermeiden ließ.

Der Abend hinterließ das zahlreich erschienene Publikum – der Saal war gesteckt voll – in einer Stimmungsmelange aus Begeisterung, Berührung, Betroffenheit und Lächeln. Wenige werden ihn vergessen.

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